Würdevoll leben - gleichwürdig sein

Bild: freepik
Der innere Kompass, der uns anleitet, ist oft eingerostet. Meistens bemerken wir ihn gar nicht mehr, so laut ist das Getöse in unsere Umwelt. Lärm, der verursacht wird durch Medien und Werbung. Jeder zuppelt und zerrt an uns und will uns das Blaue vom Himmel verkaufen: das neueste Smartphone, die beste Software, das gesündeste Präparat,... Wer sich da zurecht finden will, braucht einen Zugang zu seinem - inneren Kompass. Du kannst es auch Bauchgefühl, Deine innere Stimme, Dein Herz nennen. Eben das, was Dich ganz individuell ausmacht, was Deine ganz persönlichen Bedürfnisse bestimmt. 

Ich bin das erste Mal bewusst mit dem Begriff Würde in einem der wunderbaren Bücher von Jesper Juul in Berührung gekommen, Der dänische Familientherapeut spricht davon, Kinder (und eigentlich alle Mitmenschen) gleichwürdig zu behandeln. Nicht mit ihnen zu sprechen, als wären sie dumm und klein, sondern ihnen auf Augenhöhe begegnen und dabei in persönlicher Sprache formulieren, was ich selbst brauche oder wo meine Grenze ist. Dabei immer gewahr sein, dass auch Kinder dies ganz vortrefflich formulieren können - und  dann respektvoll und eben gleichwürdig mit ihnen kommunizieren.

Durch das Familylab, die von Juul gegründete Organisation, bin ich auch auf Prof. Gerald Hüther aufmerksam geworden, seines Zeichens Hirnforscher und Verfechter eines gleichwürdigen Umgangs nicht nur mit Kindern sondern mit allen Menschen und sich selbst. Seine neueste Initiative "Der Würdekompass" ist entstanden aus dem Wunsch, Menschen wieder eine Vorstellung ihrer ganz eigenen Würde zu geben, die im Alltag ausgelebt werden kann. Auf der Webseite der Initaitive heißt es:

"Personen, die sich ihrer Würde bewusst geworden sind, lassen sich von niemandem einreden, dass sie dies oder das noch brauchen, um glücklich zu sein. Plakate, Werbespots, Ratgeber und Angebote für ein besseres Leben empfinden sie als unwürdige Versuche, sie so zu behandeln, als könnten sie nicht selber denken und eigene Entscheidungen treffen. Was sollen die vielen Werbestrategien, Meinungsmacher und Ratgeber dann machen, wenn ihre Botschaften ungehört und ungesehen bleiben? Und was wird mit dem vielen Geld, das ihren bisherigen Aktivitäten so überaus reichlich zugeflossen ist?
Sich ihrer Würde bewusste Menschen nehmen von anderen Personen auch keine Angebote und Leistungen an, deren Bereitstellung die Würde der Erbringer dieser Angebote und Leistungen verletzt. Sie gehen nicht dorthin, wo Menschen sich für Geld zur Schau stellen, sie besuchen kein Bordell, und sie kaufen auch keine Produkte, für deren Herstellung andere Menschen ausgebeutet werden. Würdevolle Menschen erleben sich aus sich selbst heraus als wertvoll und bedeutsam.
Sie brauchen weder andere, die sie und ihre Besitztümer bewundern, noch brauchen sie Macht, Einfluss, Reichtum oder irgendwelche Statussymbole, Stellungen oder Positionen, um sich als wertvoll und bedeutsam zu erleben.
Auch wird niemand, der sich seiner Würde bewusst ist, andere Menschen würdelos behandeln, sie also zum Objekt eigener Absichten, Bewertungen oder gar Maßnahmen machen."

Wie das Leben so geht, spukt mir also diese Initiative im Kopf herum und ich überlege, was Würde für mich bedeutet, wie ich gleichwürdig (oder auch nicht) mit Menschen umgehe und dass ich gern eine lokale Würdekompass-Gruppe gründen möchte, da fällt mein Blick auf ein in der Bücherei ausgestelltes Buch: "Ein Hauch von Lippenstift für die Würde - Weiblichkeit in Zeiten großer Not" von Henriette Schroeder. Ich leihe es aus - und verschlinge es! In dem Buch hat die in Wien lebende Autorin Geschichten von Frauen gesammelt, die in Kriegszeiten, in Unrechtsregiemen und Diktaturen, in Gefangenschaft oder Lagern gelebt haben und berichten, wie wichtig es ihnen war, auf ihr Äußeres zu achten, um ihre Würde, ihre individuelle Menschlichkeit zu behalten. 

Ich selbst schminke mich kaum und bin eher der natürliche Typ. Die Motivation, sich in den dunkelsten Momenten des Lebens schick zu machen, kann ich aber nachvollziehen. Zara Murtazalieva, eine (zu Unrecht) verurteilte Gefangene des Straflagers Mordowien in Russland sagt: "Stellen Sie sich vor, in dem Straflager haben wir uns morgens vor dem Appell unser Haar auf Lockenwickler, die wir aus Papier gemacht hatten, eingedreht, [...]. Wichtig war das Gefühl, an der Nähmaschine zu sitzen mit gepflegtem Haar, mit aufgetragenem Eyeliner und Lippenstift. Ist das nicht ein Sieg über das Leben hinter Stacheldraht?"

Lippenstift als Zeichen von Würde - vielleicht fange ich doch noch damit an?

"Würdevolle Menschen erleben sich aus sich selbst heraus als wertvoll und bedeutsam."


Dieser Post ist nicht gesponsort, ich verdienen kein Geld daran, das sich zu den Büchern und Initiativen verlinke. Dies geschieht aus freien Stücken und ist meine eigene, ganz persönliche Meinung. 

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