Ein ungewöhnliches Buch und eine Erkenntnis: "Yoga für Kinder" von Kornelia Becker-Oberender

Es gibt inzwischen zahllose Bücher über Kinderyoga - und es gibt

"Yoga für Kinder und Jugendliche" von R. Sriram und Kornelia Becker-Oberender! 

Erfrischend anders wird hier über Yoga mit Kindern geschrieben: der Ansatz ist tiefer verwurzelt in der indischen Yogatradition als alle anderen Bücher, die mir zu dem Thema bis jetzt empfohlen wurden oder in die Hände gefallen sind.


Yoga für Kinder und Jugendliche


Vorneweg: das Optische. Ich liebe es, schöne Bücher in der Hand zu halten - und dieses ist besonders schön gemacht. Viele farbige Bilder, teils aus R.Srirams Unterricht in Indien, schmücken die Seiten und hervorgehobene Zitate von Goethe über die Yoagsutren bis zu Erik H. Erikson machen Lust, tiefer in die Materie ein zu steigen. Durch die abgebildeten Kinder wird deutlich, dass es sich um ein Buch über Kinder handelt und es fällt mir angenehm auf, dass eine klare und aussagekräftige Grafik den anderswo verwendeten, albernen Zeichnungen von kleinen Kindern in Yogapositionen und weiche Schrifttypen vorgezogen wurde. Dieser äußere Eindruck stimmt mit der Aussage des Buches überein, auf die ich weiter unten eingehen werde.

Die Autoren: Kornelia Becker-Oberender ist Diplom-Pädagogin und Diplom-Sozialpädagogin - und diesem Umstand ist es zu verdanken, dass ich diesem Buch eine wirklich ansprechende Zusammenfassung über die kindliche Entwicklung entnehmen kann. Zitate von Maria Montessori oder Gerald Hüter lassen mich erkennen, dass wir eine ähnliche Einstellung zum Umgang mit Kindern haben: dem Kind zu zeigen, wie es selbst lernen kann - ganz aus sich heraus und nach seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten. 
R.Sriram ist langjähriger Schüler von T.K.V. Desikachar und lehrt in der Tradition Sri Tirumalai Krishnamacharyas unter anderem auch Kindergruppen. Ihm ist der spirituelle Einfluss und die Beantwortung der philosophischen Fragen im Buch zu verdanken. Becker-Oberender ist R. Sriram´s Schülerin und hat durch seinen Ansatz zu dieser Art des Yogas für Kinder gefunden.

Das Buch: Der erste Teil widmet sich den Basiskompetenzen eines Kindes und deren Zusammenhang mit dem Yoga. Im zweiten Teil geht es um die Pädagogik des Yoga, also um Ziele, Möglichkeiten (hier "Schlüssel" genannt), Methodik und Didaktik. Ergänzt wird die Theorie um eine Liste an Asanas, um Sanskrit-Begriffe und ihre Übersetzung und um einige kleine Geschichten aus dem Panchatantra, einer Sammlung von Fabeln, durch die sich zentrale Begriffe wie Ahimsa (= Gewaltlosigkeit) oder Brahmacharya (= Maß halten) kindgerecht erklären lassen. 
Aufgeteilt sind die Kapitel jeweils in einen theoretischen Teil, dem Aufzeichnungen aus Gesprächen zwischen Becker-Oberender und R. Sriram folgen, sowie im ersten Teil Ideen zur Umsetzung und Übung mit den bereits erwähnten "Strichmännchen" in Yogapositionen.

Mein Fazit: Ich möchte jetzt gar nicht zu viel aus dem Inhalt verraten, den soviel ist schon mal klar: ich empfehle jedem, der Yoga mit Kindern praktizieren möchte dieses Buch zu lesen. Wer allerdings praktische Ideen und Stundenkonzepte erwartet, wird enttäuscht. Im Buch findet sich keine "Methode" wieder, die der geneigte Leser einfach übernehmen kann. Vielmehr wird die yogische Sicht auf das Praktizieren mit Kindern erläutert - und die hebt sich deutlich ab, von dem, was ich gelernt habe, wie sich meine Ausbildung aufgebaut hat und was ich sonst so oft über Kinderyoga lese. Den Autoren ist es wichtig, klar zu stellen, dass es sich um Yoga mit Kindern und nicht um Kinderyoga handelt. Essenziell dabei: Yoga mit Kindern ist keine Animationsstunde, die aus Übungen und Spielen besteht. Die Schulung des Atems, einer der Grundpfeiler (nicht nur) Krishnamacharyas Tradition, wird als wichtigster Bestandteil der Schulung selbst kleinerer Kinder gesehen. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass Atemübungen immer mit einem Spiel verbunden sein sollen (Federn wegpusten, mit Strohhalmen ein Blatt ansaugen, ...). Deswegen bin ich extrem gespannt, wie meine Yogakinder reagieren, wenn ich in der nächsten Stunde kleine Flows anleite wie im Buch beschrieben, die mit dem Atem koordiniert sind. 

Dieser ernsthafte Ansatz spricht mich sehr an und ich bin neugierig, wie ich die Ideen, die mir beim Lesen gekommen sind, in meine Stunden übernehmen kann. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich damit eine Seite in den Kindern anspreche, die sie sonst von nirgendwoher kennen. Jedenfalls hat bei mir eine Seite angefangen zu klingen, die sich ausgesprochen wohlig und ausgeglichen anfühlt.


*** Das Bucht ist mir freundlicherweise vom vianova-Verlag als Rezenssionsexemplar zur Verfügung gestellt worden. 

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