Hin zu Viveka: finde den Weg zur Unterscheidung °°Yoga°°

Beschreibe in Deinen eigenen Worten die Begriffe Avidya und Viveka und setze das mit Deinem eigenen Leben in Beziehung. 

So lautet ein der Hausaufgaben, die ich während meiner Ausbildung zur Yogalehrerin, gestellt bekommen habe.

Über die Kleshas habe ich ja schon geschrieben - dies war die Grundlage für diese Aufgabe. 




Avidya ist die Mutter aller Kleshas, der von Patanjali beschriebenen fünf Leiden, die meine Wahrnehmung beeinträchtigen und meine Sinne trüben. Avidya kommt aus dem Sanskrit und bedeutet übersetzt Nichtwissen - allerdings ist hiermit nicht die Unwissenheit gemeint sondern die Gleichsetzung von vorhandenen Erfahrungen mit Wissen. Mit Avidya sind all die Erfahrungen gemeint, die ich gemacht habe, und die jetzt mein Handeln und Denken beeinflussen. 

Als ich anfing, über diesen Begriff nach zu denken, schossen mir sofort einige Bespiele in den Kopf: Momente, die mein Leben geprägt haben und aufgrund derer ich nun so handele, wie ich handele (ich habe Angst vor Hunden, weil mich mal als Dreijährige ein Dackel in die Hand gebissen hat), "Merksätze", die von meinen Eltern und Großeltern aufgesagt worden und die mir immer noch im Kopf herumschwirren ("Kinder mit ´nem Willen kriegen was auf die Brillen."), Gefühle und Verhaltensweisen, die ich unter Verschluss halte und wegen derer ich mich schäme (mir kommen immer die Tränen, wenn ich schöne Lieder singe, das gehört sich doch nicht).

Seid ich begonnen habe, Yoga zu praktizieren (und ich meine nicht die reinen Asanas sondern auch und vor allem die Philosophie, die hinter den Asanas steht), fällt mir immer wieder auf, wie oft mein Geist im Sinne von Avidya durch meine Erfahrungen und mein "Wissen" getrübt ist. Ich nehme weder mich noch den anderen einfach wahr. Ich sehe ihn oder mich an und sofort bewerte ich das, was ich sehe und versuche es, in meinen Worten zu beschreiben, anstatt die Ganzheit wahr zu nehmen, die hinter mir oder dem anderen steht. 

Yoga und Mediation helfen mir dabei, mich auf mich zu konzentrieren und öffnen mir einen Weg zu mir selbst. Ich nehme mich wahr, ohne mich bewerten zu müssen. Durch die Übungen bekomme ich ein ganz neues Gefühl für meinen Körper. Ich lerne, mich freundlich an zu sehen und komme zur Ruhe.

Wenn ich heute jemandem begegne, der mir unfreundlich gesinnt ist, dann versuche ich das nicht mehr, auf mich zu beziehen, sondern zu sehen, was hinter der Unfreundlichkeit steckt. Vielleicht hat dieser Jemand ja etwas Schlimmes erlebt oder hatte einen schlechten Tag? Seine Unfreundlichkeit bezieht sich nicht auf mich sondern ist Seins. Diese Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Unwirklichkeit ist Viveka. 

Viveka heißt übersetzt "Unterscheidungskraft" und ist eine der Eigenschaften, die ein spiritueller Schüler braucht. 


Ich ahne, was Viveka ist und versuche, ihr immer näher zu kommen. Durch meine tägliche Praxis, durch die Ideen, die ich in der Ausbildung aber auch in Gesprächen mit Menschen, Gleichgesinnten führen kann, erkenne ich meine Kleshas und kann an ihnen arbeiten. Der Austausch mit anderen ist mir dabei ein wichtiger Motor. Ich bin mir sicher, dass ich mir die Menschen, mit denen ich mich umgebe auch danach aussuche, ob sie mich auf diesem Weg weiter bringen. So gibt es zum Beispiel eine Freundin, mit der ich gute Gespräche führen kann. Zudem ist sie Hundetrainerin und zeigt mir zusammen mit ihrer Hündin, dass meine Angst vor Hunden mich so nicht weiter bringt. Vielmehr bin ich inzwischen offen für das, was die Tiere mir mitgeben können und wollen. Zuerst habe ich nur einen kläffenden Vierbeiner gesehen – nun sehe ich ein Lebewesen, was mit ganz eigenen Erfahrungen und natürlich tierischen Eigenschaften in unsere Beziehung kommt. Ich sehe, wie ich darauf reagiere und kann erkennen, dass mich Angst einengt. Gehe ich offenen Herzens auf das Tier zu, trete ich auf einmal in einen Dialog. Und so geht es mir nicht nur mit diesem Hund sondern mit allen anderen Lebewesen auch. Ich erinnere mich täglich wieder daran, mit offenem Herzen und offenen Augen in Kontakt mit mir und anderen zu sein. 

Das tut unglaublich gut und ich spüre, dass dieser Weg mich zu mir selbst bringt und so auch in einen echten Kontakt zu anderen. 

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