Die fünf Kleshas - was macht mich da so leidend? °°Yoga°°

Im Rahmen meiner Ausbildung zur Yogalehrerin haben wir als "Hausaufgabe" aufbekommen, über die fünf Kleshas zu philosophieren. 

Was sind denn die fünf Kleshas überhaupt?

Klesha bedeute im Sanskrit wörtlich übersetzt "das Leiden". Gemeint sind die Gefühlsregungen, die den Geist trüben und unsere Wahrnehmung verzerren. 

Ich kenne das von mir selbst: ich begegne jemandem, der unfreundlich zu mir ist und mich vielleicht blöd von der Seite anmacht. Wenn ich dem Papatän davon erzähle, sagt er vielleicht: "Naja, aber vielleicht meinte er das doch eher so oder so." Klar, wir haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht und bewerten so eine Situation völlig unterschiedlich. Unsere Wahrnehmung ist verzerrt.

Patanjali beschreibt in Sutra 3-9 die Ursachen, die das Leiden erschaffen und benennt sie. Das hilft mir, sie zu verstehen und im Alltag zu sehen und an zu erkennen. Denn wenn ich mir der Kleshas gegenwärtig bin, dann kann ich daran arbeiten, sie zu überwinden und meinen Geist zu klären. 

Also, die fünf Kleshas nach Patanjali sind:




Avidya: die Unwissenheit oder das Nicht-Wissen. Aus dieser Klesha entstehen alle anderen Kleshas, sie ist sowas wie die Mutter-Klesha. Jeden Tag handele ich aus rein subjektiver Empfindung und Erfahrung heraus. Alles, was ich gelernt habe oder was mir bereits passiert ist, beeinflusst mich, meine Entscheidungen und mein Handeln. Ich lebe in Mustern, ohne darüber nach zu deneken, woher diese Muster kommen und warum ich in ihnen lebe. So verwechsle ich das Zeitliche mit dem Ewigen und sehe nicht mehr den Kern und das Eigentliche der Dinge. Was siehst du zum Beispiel hier?






Ein Steingewächs. Ja, stimmt. Aber dieses Gewächs ist doch noch so viel mehr: es lebt im Wechsel der Jahreszeiten und wächst auch auf diesem unwirtlichen Boden immer weiter. Es verändert sich täglich. Diese Transformation sehe ich meist (erst mal) nicht, wenn ich einen Gegenstand oder Menschen betrachte. 

Ich erkenne das göttliche Licht im anderen nicht - das ist Avidya.


Asmita: das Ego oder das niedere Ich. Hier geht es nicht darum, dass ich mich nicht als Individuum wahrnehmen soll, sondern darum, dass mein Ego mich beherrscht - entweder durch Selbstüberschätzung oder durch Minderwertigkeitskomplexe. Ich neige eher zu Letzterem und mache mich gerade davon frei, ständig zu denken, dass es nur mir so schlecht geht und mich ständig selbst zu bemitleiden. Die andere Seite sind Hochmut, Stolz und Selbstbezogenheit - also Egozentrik. Wenn ich mich von dieser Egozentrik leiten lasse, dann habe ich keinen offenen und freien Blick für das Wesentliche.

Raga: das Verlangen, die Gier. Diese Klesha beschreibt das Gefühl, immer noch mehr und noch mehr haben zu wollen. Das ist spannend, denn damit beschäftige ich mich gerade bei meinem Dinge-Detox und im Minimalismus. Die Frage ist doch: brauche ich wirklich dieses oder jenes oder ist der kurzfristige Kick, den mir etwas verschafft vielleicht doch nicht so erstrebenswert? Warum gibt es mir einen Kick, etwas neues zu kaufen und allem noch was drauf zu setzen anstatt das in Liebe und Demut an zu nehmen, was ich habe? 

Dvesha: die Abneigung oder die Angst. Dvesha ist das Gegenteil von Raga. Ein Spruch, der mir sofort in den Sinn kommt ist: "Ein gebranntes Kind scheut das Feuer." - also: wer einmal eine schlechte Erfahrung gemacht hat in einer Sache ist danach übervorsichtig. Es geht bei Dvesha aber nicht um die natürliche Vorsicht, die mich vor Gefahren schützt, sondern um das Verrennen in Vorurteilen oder Fixvorstellungen. Dazu gehört auch das Festhalten an Altem und die Ablehnung von Neuem.

Abhinivesha: die Furcht. In Abgrenzung zu Dvesha geht es hier um die Lebensängste, die Unsicherheiten in Bezug auf Leben und Tod, um Existenzangst, um Zweifel. Der Wunsch nach Kontinuität und Stabilität lähmt mich so sehr, dass ich unfrei bin und mein Geist vernebelt. Abhinivesha ist der Instinkt, der auf der Angst vor dem Tod und auf meiner Identifizierung mit dem Tod ruht. Diese Klesha ist sehr mächtig - bis ich erkenne, dass ich ein unsterbliches Selbst bin. Dann kann ich von diesem Kümmernis befreit werden. 


Nachdem ich die Begrifflichkeiten geklärt habe, fordere ich nun Dich und mich auf, sie in der Kontemplation zu bedenken und zu bewegen. Danach lassen wir sie los und lassen die Erkenntnis unserer Gedanken auf uns wirken.

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